So klappt’s mit dem Krimi: Struktur, Struktur, Struktur

So klappt's mit dem Krimi - Struktur, Struktur, Struktur

Krimis sind meistens spannende Unterhaltungsliteratur, die leicht zu lesen sind.  Das heißt aber noch lange nicht, dass es leicht ist, sie zu schreiben. Im Gegenteil. Was für den Leser beschwingt und einfach erscheint, bedeutet für Autoren harte Arbeit. Motive müssen bedacht, Hinweise platziert, Rätsel ausgeklügelt und falsche Fährten gelegt werden. Vor allem aber: Die Struktur muss stimmen. Nur wenn die Elemente eines Krimis nicht irgendwie, sondern logisch und für den Leser nachvollziehbar und auf eine spannend und effektvolle Weise angeordnet sind, fühlt er sich auch wie ein richtiger Krimi an.Ich gebe zu, ich plane gerne und viel und richte mich dabei auch nach Strukturen, was nicht bedeuten muss, ihnen sklavisch zu folgen. Kein Plan überlebt unverändert die Praxis. Aber ohne Plan ist man schnell orientierungslos. Das kann den Schreibprozess schlimmstenfalls zum Erliegen bringen.

Die vernünftigste Struktur, einen Krimi zu plotten, habe ich bei James N. Frey in seinem Buch »Wie man einen verdammt guten Kriminalroman« schreibt, gefunden. Frey empfiehlt ein Fünf-Akte-Schema und kocht damit die einzelnen Elemente eines Krimis so weit runter, dass die Sache ziemlich einfach und vor allem übersichtlich wird.

Gleichzeitig bin ich ein großer Fan vom Sieben-Punkte-System (das ich ausführlicher in meinem Beitrag Wie man eine verdammt gute Kurzgeschichte schreibt, behandle), das mir Dan Wells in seinen Videos zur Struktur von Geschichten näher brachte. Beides sind meiner Ansicht nach wunderbare Werkzeuge für jeden Handwerkskasten eines Krimiautors und können kombiniert eine mächtige Waffe gegen den stockenden Ideenstrom darstellen.


Zwei Systeme kombinieren – wozu soll das gut sein?

Ganz einfach: Beide erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Das Sieben-Punkte-System sagt Ihnen auf der Figurenebene (und zwar für Ihren Helden), welche Entwicklungsschritte er durchmacht und was dazu passieren muss. Es ist abstrakt und offen genug, um eigentlich auf so ziemlich jede Story zu passen, auf der anderen Seite aber so konkret, dass Sie damit Ideen entwickeln oder prüfen können, ob Ihren Ideen etwas taugen.

Das Fünf-Akte-Schema verrät Ihnen, was und wann nun speziell bei einem Kriminalroman geschehen muss, damit er sich wie ein echter Krimi anfühlt. Auch hier ist das Schema konkret genug, um Ihnen beim Entwickeln Ihrer Ideen zu helfen, aber auf der anderen Seite auch so offen, dass das Schreiben nicht zum Malen-nach-Zahlen wird.


Sieben-Punkte-System nach Wells Fünf-Akte Struktur nach Frey
Punkt Inhalt Akt Inhalt
1. Aufhänger: Das Gegenteil von der Auflösung. I. Der Detektiv nimmt den Auftrag an, den Mörder zu suchen.
2. Erste Wendung: Stellt den Konflikt vor, die Welt des Helden verändert sich, er lernt Neues.
3. Erster Kniff: Etwas geht schief und veranlasst die Figuren zu handeln. II. Der Detektiv wird auf die Probe gestellt. Er verändert sich und »stirbt« (metaphorisch) in der Schlüsselszene, um wiedergeboren zu werden.
4. Mittelpunkt: Übergang von der Reaktion zur Aktion
5. Zweiter Kniff: Erhöht den Druck, bis die Situation hoffnungslos erscheint. III. Der Detektiv wird erneut auf die Probe gestellt. Er besteht die Probe und …
6. Zweite Wendung: Der Held erhält die letzte fehlende Sache, um zu gewinnen.
7. Auflösung: Der Hauptkonflikt wird gelöst. IV. … schnappt den Mörder
V. Die Ereignisse haben Auswirkungen auf die Hauptfiguren.

Machen wir es an einem Beispiel konkret

Der folgende Plot wird etwas plakativ, da er hauptsählich die Struktur demonstrieren und kein herausragender Krimi werden soll. Ihr Plot wird natürlich viel, viel raffinierter sein.

I. Akt/Aufhänger und erste Wendung

  • Aufhänger: Xavier Barlow ist ein hartgesottener Detektiv, der mal wieder am Boden ist. Keine Aufträge, Mietschulden, der Kühlschrank ist leer.
  • KonfliktBei seinem letzten Fall hat er sich mit dem Bürgermeister höchstpersönlich angelegt, was nach hinten losging. Seitdem bleiben die Klienten aus. Wenn sich nicht bald was tut, muss Xavier sein Büro aufgeben und bei der Suppenküche.anstehen
  • AuftragDie verführerische und geheimnisvolle Nina Turpin betritt sein Büro. Ihr Bruder Harald wird vermisst. Die Polizei will nichts unternehmen, da er noch nicht lange genug verschwunden ist. Aber sie ist sich sicher, dass was nicht stimmt, denn er würde nie abhauen, ohne ihr was zu sagen. Nina ist wohlhabend, zahlt Xavier jede Summe und einen dicken Vorschuss, wenn er nur so schnell wie möglich Harald findet. Xavier kann einer Dame in Nöten nicht abwimmeln. Er willigt ein, ihren Bruder zu finden.
  • Der Held lernt NeuesBei seinen ersten Nachforschungen stellt sich heraus, dass Harald als Hacker für die russische Mafia gearbeitet hat. Kreditkartenbetrug und so. Xavier gräbt tiefer und deckt auf, dass Harald nicht freiwillig für die bösen Jungs geschuftet hat. Sie haben seine Freundin Karla entführt und ihn so erpresst.
  • VeränderungDie Zeit des ziellosen Herumgammelns ist vorbei. Xavier hat endlich wieder Geld und ein Ziel, fühlt sich wie neugeboren. Alles wird gut.

II: Akt/erster Kniff und Mittelpunkt

  • Etwas geht schief, der Held muss handeln:Haralds Leiche wird gefunden. Nina ist empört und entsetzt, dass Xavier das nicht verhindern konnte. Wozu hat sie ihn denn engagiert? Sie kündigt ihn und will ihr Geld zurück.
  • Der Held verändert sichXavier macht sich Vorwürfe, zweifelt an sich selbst und will nun wenigsten Karla befreien und dem Chef der Mafiabande das Handwerk legen.
  • Übergang von der Reaktion zur Aktion:Xavier versucht sich in die Höhle des Löwen schleichen, um Karla zu befreien und dabei vielleicht Beweise zu finden, die den Mafiaboss Boris Lukacs ans Messer liefern.
  • Der Detektiv wird auf die Probe gestelltXavier findet den geheimen Unterschlupf von Boris Lukacs und schafft es auf schlaue und geschickte Weise dort einzubrechen, obwohl es tolle Sicherheitssysteme gibt.
  • Schlüsselszene, Tod und WiedergeburtTrotz aller Raffinesse wird Xavier bei seinem Einbruch erwischt – kurz bevor er Karla befreien kann. Die Handlanger des Schurken schleppen Xavier zu ihrem Boss Boris, damit er entscheiden kann, was sie mit ihm unternehmen sollen. Es kommt zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen Held und Schurken, der damit endet, dass Xavier von Lukacs‘ Handlangern beinahe tot geprügelt wird. Sie schmeißen ihn irgendwo am Straßenrand aus dem Auto. Mit seinem Handy gelingt es Xavier mit letzter Kraft Nina anzurufen. Sie hat Mitleid mit ihm, holt ihn ab, bringt ihn zu sich nach Hause und pflegt ihn. Jetzt nimmt Xavier die Sache persönlich. Hartgesottene Detektive sind so.

III. Akt/zweiter Kniff und zweite Wendung

  • Der Held wird erneut auf die Probe gestelltNach ein paar Tagen ist Xavier wieder halbwegs auf den Beinen (dank Ninas heilenden Händen geht’s im besonders schnell wieder gut). Während er im Krankenbett lag, hatte er viel Zeit zum Nachdenken. Dabei fiel ihm ein Gespräch mit einem Journalisten wieder ein, das er bei seinem letzten Fall geführt hatte. Es ging um den Bürgermeister. Mit dem Kerl hat er ohnehin noch ein Hühnchen zu rupfen. Irgendwie fiel in diesem Gespräch beiläufig der Name Boris Lukacs. Xavier recherchiert. Er stößt auf Lustreisen, die der Bürgermeister noch in seiner Zeit als Abgeordneter mit Lukacs zusammen unternommen hatte, auf Rechnung der Mafia natürlich.
  • Der Druck wird weiter erhöht, bis die Situation hoffnungslos erscheintXavier findet keine Beweise und die Zeugen, die ihm davon erzählen, dass der Bürgermeister keine weiße Weste hat, würden nie vor Gericht aussagen, da sie um ihr Leben fürchten.
  • Der Held bekommt die letzte fehlende Sache, die ihm den Sieg ermöglichtXavier schleicht sich in die Privatvilla des Bürgermeisters, um nach Beweisen zu suchen, die sowohl Lukacs als auch den Bürgermeister belasten, sodass er sie öffentlich bloßstellen kann. Solche Beweise findet Xavier auch, allerdings wird er vom Bürgermeister in Flagranti erwischt. Er hält Xavier mit einer Pistole in Schach. Denn der Bürgermeister weiß von Xaviers Plänen – von Nina. Sie steckte von Anfang an mit ihm unter einer Decke. Ein Komplott, um Xavier öffentlich mundtot zu machen und ins Gefängnis zu stecken, weil er sich in der Vergangenheit als lästig erwiesen hat und zu viel weiß. Nina ist in Wirklichkeit ein gefühlloses Biest, das ihren Bruder ohne mit der Wimper zu zucken geopfert hat und scharf auf den Bürgermeister ist, der demnächst vielleicht sogar Bundeskanzler werden könnte – und sie die Frau an seiner Seite. Es gibt Fotos, die Xavier zusammen mit Karla im Unterschlupf von Lukacs zeigen, die heimlich angefertigt wurden und belastend aussehen. Nina hatte genug Zeit, um in Xaviers Büro gefälschte Beweise zu platzieren, während er bei ihr zu Hause lag. Die Beweise lassen Xavier wie den Mörder von Harald aussehen. Und jetzt wird der Bürgermeister Xavier von einem Bodyguard erschießen lassen. Natürlich in einem Akt der Selbstverteidigung. Schließlich ist der Detektiv ja bei ihm eingebrochen und hat ihn bedroht.
  • Der Held gewinntDie Polizei trifft ein. Womit niemand gerechnet hat: Xavier ist nicht komplett bescheuert. Er hat sich verkabelt und das Gespräch wurde bereits per Livestream im Internet veröffentlicht. Er hat Nina von Anfang an nicht getraut. Gut, dass er auf seinen Instinkt gehört hat.

IV. und V. Akt/Der Hauptkonflikt wird gelöst

  • Der Hauptkonflikt wird gelöst:Als der Bürgermeister die Sirenen hört, ist er für einen kurzen Augenblick abgelenkt. Die Gelegenheit für Xavier, um ihm eine zu verpassen und ihn zu entwaffnen. Die Polizei stürmt das Haus, der Bürgermeister und Nina werden festgenommen. Kanzler wird der nicht mehr.
  • Der Held schnappt den MörderBleibt noch der Mafiaboss Boris Lukacsz, der nun dank des öffentlichen Geständnisses des Bürgermeisters aufgeflogen ist. So leicht ergibt sich Boris jedoch nicht. Xavier braust mit der Polizei im Schlepptau so schnell wie möglich zu Boirs‘ Unterschlupf, um Karla zu befreien. Doch Lukacs benutzt die junge Frau als Geisel. Wenn er keine Freifahrt ins Ausland bekommt, wird er sie erschießen. Die Polizei will Xavier aus der Sache raushalten und die Situation auf ihre Art bewältigen, aber er hat keine Lust nach den Regeln zu spielen, stürmt im Alleingang den Unterschlupf des Schurken. Es kommt zum Kampf zwischen den beiden, Xavier erschießt Lukacs und kann Karla befreien.
  • Die Auswirkungen auf die HauptfigurenXaviers Ruf ist wieder hergestellt, sein Erzfeind sitzt im Knast und der Mafiaboss ist tot. Endlich kann sich Xavier vor Klienten kaum noch retten. Außerdem gibt es da noch die ziemlich dankbare Karla …

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Entfesselter Tod