H.P. Lovecraft – Das Werk

(c) des Fotos Marcus Johanus, 2026, Abbildung des Covers mit freundlicher Genehmigung des Verlags

H. P. Lovecraft gehört zu den wichtigsten Autoren der fantastischen Literatur. Seine Geschichten beeinflussten unter anderem Stephen King, John Carpenter, Guillermo del Toro, Mike Mignola und nicht zuletzt das Rollenspiel Call of Cthulhu. In diesem Artikel stelle ich die große kommentierte Ausgabe H. P. Lovecraft – Das Werk vor, ordne Leben und Werk ein und erkläre, weshalb Lovecraft bis heute gelesen werden sollte.

H. P. Lovecraft – Das Werk erschien 2017 bei Fischer Tor, ist 912 Seiten stark und kostet 84 Euro.

Auf einen Blick

ThemaInhalt
BuchH. P. Lovecraft – Das Werk
AutorH. P. Lovecraft (1890–1937)
GenreHorror, Fantasy, Science Fiction, Weird Fiction
Geeignet fürEinsteiger, Lovecraft-Fans, die gerne hinter die Kulissen blicken,  Rollenspieler, Leser fantastischer Literatur
SchwerpunkteBiografie, Werkanalyse, Wirkungsgeschichte, literarisches Umfeld
Meine EinschätzungEine der gelungensten deutschsprachigen Veröffentlichungen über Lovecraft

Ich war zwölf Jahre alt, als ich H. P. Lovecraft zum ersten Mal begegnete.

Meine Eltern und ich verbrachten die Osterferien in einer kleinen Ferienanlage mitten im Nirgendwo. Ich erinnere mich an so gut wie nichts mehr in diesen Wochen. Aber eine Episode hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Die Tage verliefen ruhig und ich langweilte mich, wie man sich als Zwölfjähriger nun einmal bei so einem Urlaub auf dem Land mit den Eltern langweilt.

Ich wusste, bei der Rezeption der Feriensiedlung gab es eine alte Abstellkammer, die als Bibliothek für die Urlauber diente. Eigentlich handelte es sich dabei nur um ein Regal mit den Büchern, die Leute in den Bungalows vergessen hatten.

Ich verbrachte bestimmt eine halbe Stunde vor diesem Regal und zog einen Band nach dem anderen heraus, auf der Suche nach Erlösung von der Langeweile. Krimis, die dort zu Hauf standen, interessierten mich damals nicht. Liebes- und Heimatromane erst recht nicht. Ich war auf der Suche nach Fantasy. Denn zu meiner Lieblingslektüre gehörte damals schon „Der Herr der Ringe“.

Fantasy fand ich zwar keine, aber immerhin einige John Sinclair-Taschenbücher, die ich mitnahm. Außerdem stand zwischen ihnen ein schmaler Band mit einem merkwürdigen Titel.

Der Flüsterer im Dunkeln

Der Name des Autors, Howard Phillips Lovecraft, sagte mir überhaupt nichts. Ich nahm das Buch trotzdem mit, weil im Klappentext stand, dass darin »Wesen aus dem interstellaren Raum sich der Gehirne von Forschern zu dunklen Zwecken bemächtigten«.

Das sprach mich an.

Ein paar Tage später gingen meine Eltern zu einem Tanzabend. Ich blieb allein zurück, machte es mir auf dem Sofa des Bungalows gemütlich, schaltete die kleine Stehlampe ein und begann in ihrem Lichtkreis zu lesen. Die Sinclair-Taschenbücher hatte ich schon durch, also blieb mir nichts anderes als das zerlesene, schlichte Büchlein von Lovecraft.

Ich vergaß die Zeit. Aber ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl, immer wieder von den Seiten in die Dunkelheit hinter dem Lichtkegel zu schielen, unter dem ich saß.

So sehr ich auch aufs Klo musste. Ich wagte es nicht, das Licht zu verlassen, denn dann hätte ich mich in die Dunkelheit des Bungalows wagen müssen und dazu war ich nicht einmal ansatzweise in der Lage.

Ich umklammerte die Pappdeckel des Taschenbuchs und las gebannt weiter, bis meine Eltern später zurückkamen und damit auch endlich das Licht.

Heute, viele Jahrzehnte später, kann ich sagen, dass dieses Leseerlebnis mich stark geprägt hat. Eine bis heute andauernde Faszination für Lovecraft begann, auch wenn es noch ein kleines bisschen gedauert hat, bis ich herausfand, welche Bedeutung der Autor besitzt, der mich damals in seinen Bann geschlagen hatte.

Ungefähr ein Jahr später hatte ich meine nächste prägende Begegnung mit Lovecraft.

Ich entdeckte im Kiosk unserer Straße den Heftroman Der Hexer von Salem, in dem Wolfgang Hohlbein die Motive Lovecrafts in einer kurzweiligen, zugänglichen Abenteuergeschichte präsentierte.

Da ich damals eine Heftromanphase hatte und so ziemlich alles von John Sinclair und Tony Ballard über Professor Zamorra, von Larry Brent bis Macaboros, las, kam ich natürlich auch am Hexer nicht vorbei. Ich kapierte damals noch gar nicht, dass Der Hexer von Salem im Lovecraft-Kosmos verwurzelt war. Denn Shogotten, Cthulhu, Necornomicon usw. sagten mir gar nichts. Aber dass eine Figur in diesen Roman Howard Lovecraft hieß, machte mich schon ein wenig stutzig.

Noch prägender wurde wiederum rund ein Jahr später meine erste Begegnung mit dem Rollenspiel Auf Cthulhus Spur (die erste deutsche Ausgabe von Call of Cthulhu). Dort schloss sich plötzlich ein Kreis. Noch heute habe ich die große Hobby-Products-Box vor Augen. Für mich war das Spiel damals, als ich nur Das Schwarze Auge kannte, eine Offenbarung.

Bibliotheken, alte Manuskripte, einsame Landhäuser in Neuengland, verschollene Kulte, Gelehrte, die besser nicht weitergeforscht hätten. Es war dieselbe Welt, die mich zwei Jahre zuvor in jenem Ferienbungalow so sehr beeindruckt hatte. Puzzlestücke passten auf einmal zusammen und ich lernte, dass dieser Lovecraft viel, viel mehr ist, als nur ein Autor von Horrorgeschichten.

Seitdem habe ich so ziemlich alles von ihm gelesen. Manches mehrfach. In vielen verschiedenen Ausgaben.

Deswegen kam ich auch nicht an der Sammlung H. P. Lovecraft – Das Werk vorbei.

Beim ersten Durchblättern wurde mir schnell klar, dass ich hier keine weitere Anthologie in der Hand hielt. Diese Sammlung »aller wichtiger Arkham-Geschichten« ist eine ganz besondere, wenn nicht sogar die definitive Ausgabe für Menschen wie mich, die Lovecraft schon viele Jahre begleitet und die nicht genug über ihn wissen können.

Der Mann aus Providence

Der Mann, der mich als kleiner Junge so sehr das Gruseln lehrte, wurde 1890 in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island geboren. Er starb 1937, nahezu mittellos, ohne zu erleben, welchen Einfluss seine Geschichten einmal entfalten würden. Dass heute Millionen Menschen seine Schöpfung Cthulhu kennen, Brett- und Rollenspiele in seiner Welt spielen, dass Filme seine Motive aufgreifen und zahllose Autoren sich auf ihn berufen, hätte ihn vermutlich überrascht.

Er selbst sagte zu seinem Werk, von dem er nicht sonderlich überzeugt war: »Das Einzige, was ich für meine Arbeit ins Feld führen kann, ist ihre Wahrhaftigkeit … [Ich bestehe] darauf, echte Stimmungen und Eindrücke wiederzugeben, so gut es mir möglich ist.«

Seine Geschichten sind nicht besonders zugänglich geschrieben. Ich denke absichtlich. Er lehnte es ab, Genrekonventionen zu erfüllen oder eine gefällige Sprache zu verwenden.

Aber H.P. Lovecraft legte Wert darauf, ungefiltert das zu schreiben, was in ihm vor sich ging. Viele seiner Geschichten beruhten auf Träumen, die er tatsächlich hatte. Letztendlich sind sie ein Dokument seiner ureigensten Gedanken, Interessen und vor allem Ängste. Meiner Vermutung nach erklärt das seine besondere Wirkung. 

Zu Lebzeiten war Lovecraft kein gefeierter Schriftsteller. Er veröffentlichte überwiegend in Pulpmagazinen (amerikanischen Groschenheften), schrieb unzählige Briefe, überarbeitete Texte anderer Autoren gegen Bezahlung und lebte in einer Welt, die er oft als fremd empfand. Seine Gesundheit war schlecht, seine finanzielle Situation selten stabil und seine Sicht auf die moderne Gesellschaft war von tiefem Pessimismus geprägt. Gleichzeitig besaß er eine ungeheure Neugier. Astronomie, Geschichte, Architektur und Naturwissenschaften interessierten ihn mindestens ebenso sehr wie Literatur.

Wer seine Erzählungen aufmerksam liest, merkt schnell, dass hinter den Texten ein Autor steckt, der sich intensiv mit Wissenschaft und Philosophie auseinandersetzte.

Gerade darin unterscheidet sich Lovecraft von vielen Horrorautoren.

Das Grauen entsteht bei Lovecraft nicht durch Blut oder Gewalt (tatsächlich gibt es beides bei ihm eher selten). Es entsteht aus einer Erkenntnis. Seine Figuren stoßen auf etwas, das größer ist als sie selbst. Sie entdecken uralte Zivilisationen, Wesen aus den Tiefen des Kosmos oder Zusammenhänge, die jede menschliche Vorstellung übersteigen. Der eigentliche Schrecken besteht darin, dass das Universum sich nicht für den Menschen interessiert.

Heute wird diese besondere Form seiner Literatur häufig als Cosmic Horror bezeichnet. Der Begriff entstand allerdings erst nach Lovecrafts Tod und beschreibt jene existentielle Verunsicherung, die seine Geschichten bis heute so einzigartig macht.

Während klassische Schauerliteratur häufig vom Kampf zwischen Gut und Böse erzählt, kennt Lovecrafts Welt keine moralische Ordnung. Das Universum ist weder gerecht noch ungerecht. Es existiert einfach. Der Mensch spielt darin keine Rolle, denn es funktioniert nach Regeln, die für den Menschen unbegreifbar sind.

Genau das macht Geschichten wie Der Flüsterer im Dunkeln, Berge des Wahnsinns oder Schatten über Innsmouth bis heute so faszinierend. Sie lassen sich nicht auf eine einfache Monstergeschichte reduzieren. Hinter jedem Wesen, jedem Kult und jedem verbotenen Buch verbirgt sich letztlich dieselbe Frage: Was geschieht mit unserem Weltbild und unserem Verstand, wenn wir erkennen müssen, dass alles, was wir wissen, bedeutungslos ist?

Figuren wirken bei Lovecraft stets blass. Dialoge sucht man in seinen Geschichten größtenteils vergebens. Seine problematischen politischen und rassistischen Ansichten kann man nicht ignorieren. All das gehört zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit seinem Werk dazu.

Und trotzdem verlieren seine Geschichten kaum an Kraft, eben weil sie echt sind, was sie wiederum zeitlos macht.

H.P. Lovecraft – der Autor, den fast jeder kennt, aber kaum jemand gelesen hat

Michel Houellebecq hat in seinem Essay Gegen die Welt, gegen das Leben eine Beobachtung gemacht, die ich bemerkenswert finde: Es gibt eine riesige Gemeinschaft von Menschen, die den Cthulhu-Mythos kennen, auf Conventions gehen, Rollenspiele spielen, T-Shirts tragen oder Comics sammeln, die auf Lovecrafts Werken beruhen, ohne jemals eine einzige Geschichte von ihm gelesen zu haben.

Lovecraft ist längst größer geworden als sein Werk.

Nun gut, man könnte sagen, das ist bei Tolkien ähnlich. Die Filme kennen beinahe alle. Das Buch haben nur die wenigsten gelesen. Aber der Unterschied ist eben, dass Tolkien mit einem riesigen Budget verfilmt wurde. Die Lovecraft-Verfilmungen, von denen es einige gibt, sind eher noch unbekannter als seine Literatur.

Trotzdem ist der grünliche Tentakelkopf mit Flügeln heute eine Ikone der Popkultur. Bands haben sich nach ihr benannt. Das Necronomicon kennt fast jeder Horror- und Fantasyfan. Arkham ist längst nicht mehr nur eine fiktive Stadt in Neuengland. Selbst Batman erlebt Abenteuer im Arkham Asylum.

John Carpenters In the Mouth of Madness ist für mich die gelungenste filmische Annäherung an Lovecrafts Welt, ohne eine einzige seiner Geschichten zu verfilmen. Guillermo del Toro trägt Lovecrafts Einfluss seit Jahrzehnten offen vor sich her. Werke wie Crimson Peak oder Pans Labyrinth zeigen, wie tief diese Faszination reicht. 

Mike Mignolas Comic Hellboy  übersetzt Lovecrafts uralte Götter, okkulte Geheimnisse und kosmische Bedrohungen in das Vokabular des Superhelden-Comics und erschafft so etwas ganz Eigenes.

Stephen King hat sinngemäß gesagt, Lovecraft sei der bedeutendste Horrorautor des 20. Jahrhunderts. Das halte ich keineswegs für übertrieben. Auch Kings Romane sind nicht frei von Lovecrafts Einfluss, der mal mehr mal weniger deutlich wird.

Gerade daran zeigt sich, dass Lovecrafts Wirken weit über einzelne Monster oder den Cthulhu-Mythos hinausreicht. Er hat eine ganze Spielart phantastischer Literatur entscheidend geprägt, die man heute meist unter dem Begriff Weird Fiction zusammenfasst.

Lovecraft selbst hatte all das nie vor. Ich bezweifle auch, dass er die vielen Adaptionen seiner Werke gut finden würde. Er selbst hatte nicht einmal den Begriff Cthulhu-Mythos erfunden, der heute untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Denn eigentlich ist das Erschaffen einer Mythologie, eines Kanons an Wesen und Göttern, genau das, was er nicht anstrebte.

Seine Geschichten sollten eher schlaglichtartig Wesenheiten und Orte beleuchten, die sich der menschlichen Vorstellungskraft entziehen, um zu verdeutlichen, wie unbegreifbar, unfassbar und letztendlich grauenhaft das Universum ist.

Das Werk – Ein Buch wie eine Schatzkammer

Nach all den Jahren mit Lovecraft stellt sich zwangsläufig eine Frage.

Braucht man überhaupt noch ein weiteres Buch über ihn? Noch eine Sammlung seiner wichtigsten Geschichten?

Der Markt ist schließlich nicht gerade arm an Biografien, Sammelbänden und Einführungen. Kaum ein Autor der fantastischen Literatur ist so häufig kommentiert, analysiert und neu aufgelegt worden wie der Mann aus Providence. 

Seit Lovecrafts Werke gemeinfrei sind, bekommt man seine Storys in allerlei Form für einen schmalen Taler, teilweise auch kostenlos.

Umso größer war meine Skepsis, als ich H. P. Lovecraft – Das Werk zum ersten Mal in den Händen hielt.

Sie verschwand, nachdem ich das erste Mal in dem Wälzer blätterte.

Der Band verfolgt einen anderen Ansatz als andere Veröffentlichungen. Er möchte Lovecraft nicht vermarkten, sondern verständlich machen. Statt einzelne Geschichten herauszugreifen oder sich auf den Cthulhu-Mythos zu konzentrieren, ordnet er das Gesamtwerk ein. Er zeigt Entwicklungslinien, erklärt Zusammenhänge und macht deutlich, wie eng Biografie, Zeitgeschichte und literarisches Schaffen miteinander verbunden sind.

Wer Lovecraft bislang nur über einzelne Erzählungen kennt, entdeckt plötzlich Querverbindungen, bekommt Einordnungen und Erklärungen, die man beim bloßen Lesen seiner Geschichten niemals erfassen kann. Wiederkehrende Motive werden durch Randkommentare verdeutlicht, Quellen in Fußnoten genannt und Orte mit Fotos dokumentiert. Man versteht besser, weshalb bestimmte Themen immer wieder auftauchen und wie sich Lovecrafts Denken und Schreiben im Laufe der Jahre verändert hat.

Dieses Buch verschweigt weder Lovecrafts problematische Seiten, noch reduziert es ihn auf sie. Stattdessen entsteht das Bild eines hochgebildeten, widersprüchlichen und außergewöhnlich einflussreichen Autors, dessen Werk bis heute Diskussionen auslöst.

Auch als erfahrener Lovecraft-Leser, der sich schon mehrmals mit seiner Biografie beschäftigt hat, erfuhr ich bei der Lektüre unzählige kleine Details, über die ich zuvor noch nie gestolpert war. 

Der Band nennt sich „große kommentierte Ausgabe“ und genau das ist er. Wer sich ernsthaft mit Lovecraft auseinandersetzen möchte, tief in sein Leben und sein Schaffen eintauchen will, der ist mit dem Buch wirklich gut beraten, auch wenn es keine vollständige Ausgabe seiner Geschichten ist. Nicht einmal ansatzweise.

Aber es handelt sich um eine sehr schöne, repräsentative Auswahl an Texten.

Äußerlich ist das Buch ein echtes Schmuckstück. Der Schutzumschlag fühlt sich sehr hochwertig an, hat eine irgendwie seidige Haptik und die Saugnäpfe der Tentakel auf dem Cover sind leicht erhaben. Hier wurde mit sehr viel Liebe zum Detail gearbeitet, was sich bei der Gestaltung des Buches im Inneren fortsetzt.

Es gibt unzählige Illustrationen. Zeitgenössische Cover, Fotos, aber auch farbige Fotografien lassen mich immer wieder in dem Band blättern. Man muss das Buch nicht einmal lesen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wer Lovecrat war, worum es in seinen Texten geht und welche Atmosphäre er erzeugt.

Und das ist eigentlich auch ganz gut so. Denn zum Lesen selbst ist der Band etwas problematisch. Das liegt einerseits an seiner schieren Größe. Man liest das Buch nicht einfach mal so im Bett. Man muss es schon auf dem Schoß oder Tisch lagern.

Andererseits erschweren die vielen Kommentare und Illustrationen, die immer um den Originaltext verteil abgedruckt werden, erheblich die Konzentration beim Lesen. Wer immersiv in die Atmosphäre der Storys abtauchen und sich gruseln will, ist mit dieser Ausgabe nicht gut beraten. Man muss schon ein fortgeschrittenes, beinahe schon wissenschaftliches Interesse an Lovecraft haben, damit sich die Anschaffung des Buches lohnt.

Aber für Fanboys für mich ist es keine Frage, dass man sich den Band zulegen sollte. Allein schon das Vorwort Alan Moores ist das Geld wert. 

Für wen lohnt sich H. P. Lovecraft – Das Werk?

Nach meiner Einschätzung richtet sich der Band an vier Gruppen.

  1. Einsteiger, die mehr möchten als eine lose Sammlung von Erzählungen, und die wissen, dass sie sich vertiefter mit Lovecraft beschäftigen wollen. Das Buch liefert den historischen und literarischen Hintergrund, der viele Geschichten erst in ihrer ganzen Tiefe verständlich macht.
  2. Langjährige Lovecraft-Leser, die den Autor bereits kennen, und schlicht nicht genug kriegen können.
  3. Fans klassischer fantastischer Literatur, die sich für die Entwicklung von Horror, Fantasy und Science Fiction interessieren. Lovecraft steht nicht isoliert im Raum. Seine Beziehungen zu Autoren wie Edgar Allan Poe, Lord Dunsany, Arthur Machen, Robert E. Howard oder Clark Ashton Smith werden nachvollziehbar und machen deutlich, dass große Literatur immer im Dialog mit anderen Werken entsteht.
  4. Und nicht zuletzt Rollenspieler.

FAQ – Häufige Fragen zu H. P. Lovecraft

Wer war H. P. Lovecraft?

Howard Phillips Lovecraft (1890–1937) war ein amerikanischer Schriftsteller aus Providence, Rhode Island. Heute gilt er als einer der einflussreichsten Autoren der fantastischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Berühmt wurde er vor allem durch Geschichten wie Der Ruf des Cthulhu, Berge des Wahnsinns, Schatten über Innsmouth und Der Flüsterer im Dunkeln.

Warum ist H. P. Lovecraft heute noch wichtig?

Lovecrafts Einfluss reicht weit über die Literatur hinaus. Autoren wie Stephen King, Comics wie Hellboy, Filme von John Carpenter und Guillermo del Toro sowie das Rollenspiel Call of Cthulhu und viele andere Rollenspiele greifen seine Ideen bis heute auf. Viele Motive moderner Horror- und Fantasygeschichten lassen sich direkt auf sein Werk zurückführen.

Ist Lovecraft Horror oder Fantasy?

Beides. Und noch mehr. Lovecraft schrieb in einer Zeit, in der die heutigen Genregrenzen kaum existierten. Seine Geschichten verbinden Elemente aus Horror, Fantasy, Abenteuerliteratur und Science Fiction. Gerade deshalb lassen sie sich bis heute nur schwer in eine einzelne Kategorie einordnen.

Mit welcher Geschichte sollte man beginnen?

Für Einsteiger eignen sich besonders:

Der Flüsterer im Dunkeln

Die Musik des Erich Zann

Schatten über Innsmouth

Der Ruf des Cthulhu

Berge des Wahnsinns

Diese Geschichten vermitteln einen guten Eindruck von den unterschiedlichen Facetten seines Werks. Wer nur eine Geschichte lesen will, sollte wahrscheinlich zu Schatten über Innsmouth greifen. Sie ist meiner Meinung nach die zugängstlichste, allerdings auf der der anderen Seite nicht die typischste seiner Storys.

Was macht Lovecrafts Geschichten besonders?

Im Zentrum steht selten Monster. Lovecrafts Figuren stoßen auf Wahrheiten, die ihr Weltbild erschüttern. Seine Geschichten handeln von Geheimnissen, uralten Zivilisationen, wissenschaftlichen Entdeckungen und der Erkenntnis, dass der Mensch im Universum möglicherweise weit unbedeutender ist, als er glaubt.

Lohnt sich das Buch H. P. Lovecraft – Das Werk?

Aus meiner Sicht eindeutig ja.

Der Band eignet sich sowohl für Einsteiger als auch für langjährige Leser. Er erklärt Lovecrafts Leben, ordnet sein Werk ein, beleuchtet sein literarisches Umfeld und zeigt, warum seine Geschichten bis heute eine so große Wirkung entfalten. Besonders gelungen ist die Verbindung aus Werkanalyse, Biografie und kulturgeschichtlicher Einordnung.

Welche Autoren standen Lovecraft nahe?

Zu seinem literarischen Umfeld gehörten unter anderem:

  • Robert E. Howard
  • Clark Ashton Smith
  • August Derleth
  • Edgar Allan Poe (als Vorbild)
  • Lord Dunsany
  • Arthur Machen
  • Robert Bloch
  • Fritz Leiber

Viele dieser Autoren beeinflussten sich gegenseitig und prägten gemeinsam die Entwicklung der modernen fantastischen Literatur.

Welche Bedeutung hat Lovecraft für Old School Rollenspiele?

Lovecrafts Werk bildet die Grundlage für das Rollenspiel Call of Cthulhu beziehungsweise Auf Cthulhus Spur, heute bekannt als H. P. Lovecrafts Cthulhu oder schlicht nur Cthulhu. Generationen von Spielern haben seine Welt über Ermittlungen, Geheimkulte, Bibliotheksrecherchen und Expeditionen in unbekannte Regionen kennengelernt. Das Rollenspiel hat erheblich dazu beigetragen, Lovecrafts Geschichten einer neuen Leserschaft zugänglich zu machen.

Aber das ist nicht alles. Gary Gygax erwähnt Lovecraft in seinem berühmten Anhang N als Einfluss auf das Design von Dungeons & Dragons. Und wer ein wenig im Monsterhandbuch blättert, findet schnell Schnittmengen zwischen D&D und Lovecraft.

Demzufolge haben viele OSR-Spiele Lovecraft wenigstens indirekt etwas zu verdanken, denn viele davon berufen sich wiederum auf den Anhang N als Designvorlage.

Tatsächlich gibt es erstaunlich viele Rollenspiele, die von Lovecraft und Cthulhu beeinflusst wurden. Neben direkten Adaptionen wie Fthagn, Mythosworld, Trail of Cthulhu oder Fate of Cthulhu, Tiny Cthulhu, die alle alternative Regelwerke für das Spielen nach Lovecrafts Motiven darstellen, findet man in vielen Spielen kleine, mehr oder weniger versteckte Anleihen an Lovecrafts Werk.

Warum sollte man Lovecraft heute noch lesen?

Weil seine Geschichten Fragen stellen, die bis heute faszinieren.

Was passiert, wenn unser Weltbild ins Wanken gerät? Wie gehen Menschen mit Erkenntnissen um, die sie nicht begreifen können?

Und was bedeutet es, in einem Universum zu leben, das sich nicht um uns kümmert?

Lovecraft gibt darauf keine plumpen Antworten, sondern lässt sein Publikum mit der existenziellen Verunsicherung allein, was seinen Reiz hat, wenn man gerne ein wenig philosophiert.

Vor allem sind seine Storys ein atmosphärisch dichtes und eindrucksvolles Lesevergnügen, auch wenn man sich vielleicht erst einmal an eine etwas umständliche Sprache gewöhnen muss. Aber auch diese macht einen ganz besonderen Reiz aus und verdeutlicht, dass man hier einen unverwechselbaren Autor liest.