Wie Sie den unsichtbaren Erzähler tilgen

Wie Sie den unsichtbaren Erzähler tilgen

Peinlich berührt sah ich zu Boden und fischte mit einer abwesenden Geste fahrig eine meiner attraktiven, seidigen goldblonden Haarsträhnen aus dem ebenmäßigen Gesicht.

Sie halten diesen Satz für unproblematisch? Dann lesen Sie weiter …

Wer oder was ist der unsichtbare Erzähler?

Eigentlich ist es ganz einfach, den unsichtbaren Erzähler zu entlarven und zu tilgen, Sie müssen ihn nur kennen. Sehen wir uns den Satz von oben an. Der Ich-Erzähler fischt sich mit einer abwesenden Geste das Haar aus dem Gesicht. Keine große Sache. Nur, wenn die Geste abwesend erfolgt, wie kann er dann davon erzählen? Kann er nicht, also muss jemand anderes davon erzählen, eben der unsichtbare Erzähler.

Genauso verhält es sich mit der seidigen, attraktiven und goldblonden Haarsträhne. So denkt kein Mensch von sich. Vielleicht sieht man noch in den Spiegel und meint zu sich selbst: »Meine Güte, sind deine Haare grau geworden.» oder »Verflucht, waren es gestern nicht noch viel mehr Haare?«. Doch die meiste Zeit, sollten Romanfiguren nicht an ihr Äußeres denken und schon gar nicht, wenn sie gerade abwesend sind. (Und nebenbei: auf keinen Fall mit so vielen Adjektiven. Eines reicht. Höchstens.)

»Peinlich berührt sah ich zu Boden.« ist ebenfalls kein Satz des Ich-Erzählers, sondern einer des unsichtbaren Erzählers. Zunächst einmal ist es ziemlich schwierig »peinlich berührt« zu gucken. Jemand kann peinlich berührt sein. Aber so gucken? Wie sollte dieser Blick eigentlich aussehen? Wenn Sie eine Vorstellung davon haben, wie ein peinlich berührter Blick aussieht, sollten Sie diesen lieber beschreiben als ihn nur mit einem Adjektiv zu benennen, damit der Leser ein konkretes Bild vor Augen hat und selbst zu dem Schluss kommen kann, dass die Figur peinlich berührt ist.

Tatsächlich hat der Autor an dieser Stelle gar keine konkrete Vorstellung davon, wie genau ein peinlich berührter Blick in der Praxis aussieht (ich jedenfalls habe keinen blassen Schimmer). Und wenn der Autor schon kein Bild vor Augen hat – welche Chance soll dann der Leser besitzen, sich die Situation vorstellen zu können?

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde jemandem gar nicht auffallen, dass er gerade peinlich berührt zu Boden sieht, denn wenn jemandem etwas peinlich ist, ist er viel zu sehr damit beschäftigt, diese Peinlichkeit zu verarbeiten, anstatt sich noch Gedanken über seine Außenwirkung zu machen. Nur jemand, der ihn ansieht, könnte auf die Idee kommen, dass sein Zu-Boden-Sehen daher kommt, dass ihm etwas peinlich ist.


Was ist eigentlich so schlimm am unsichtbaren Erzähler?

Wer nur für sich schreibt oder es zu seinem Ziel gemacht hat, die Literatur neu zu erfinden, der muss sich über den unsichtbaren Erzähler keine Gedanken machen. Aber der unsichtbare Erzähler ist ein allwissender Erzähler an einer Stelle, an der es keinen allwissenden Erzähler geben sollte. Wer einen personalen Erzähler benutzt, sucht sich ja gerade diese Perspektive, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, nämlich die Nähe zum Leser, die Einladung zur Identifikation. Und eben diesen Effekt wird ich durch den unsichtbaren Erzähler zerstört.


Wie finde Sie den unsichtbare Erzähler?

Jetzt, da Sie den unsichtbaren Erzähler kennen, ist es auch nicht weiter schwierig, ihn zu finden und zu tilgen. Sie müssen nur Ihre Texte durchgehen und sich fragen: Kann der Erzähler wirklich wissen, was er gerade mitteilt? Der unsichtbare Erzähler schleicht sich ein, weil Autoren ihre Sache zu gut machen wollen. Sie wollen alles so genau wie möglich beschreiben.

Die Kunst der Perspektive besteht jedoch nicht darin, den Leser mit so viel Informationen wie möglich zu versorgen, sondern darin, ihm exakt die Informationen zu geben, die seine Fantasie dazu anregen, sich das Geschehen vorzustellen. Alles, was nicht durch die Augen und durch das Bewusstsein der Perspektivfigur gefiltert werden kann, gehört auf jeden Fall nicht dazu.

Achten Sie auf die Häufung von Adjektiven oder lange Beschreibungen und erzählende Passagen. Meistens ist dies ein Hinweis darauf, dass ich mir einen unsichtbaren Erzähler eingefangen habe, um dem Leser viel zu viel mitzuteilen, was meine Perspektivfigur auch gar nicht wissen kann oder in der Form in der Situation, in der sie sich befindet, nie erzählen oder denken würde.


Erzählperspektiven – das müssen Sie wissen

Falls Sie gerade ein wenig verwirrt sind, hier eine schnelle Übersicht der verschiedenen Erzählperspektiven:

  • Erste Person limitiert: Der berühmte Ich-Erzähler. Ihn finden Sie häufig in Jugendbüchern oder in den berühmte Hard-Boiled-Detective-Novels. Das Spannende an dieser Perspektive: Die Leser sind tauchen ganz in die Erlebniswelt der Perspektivfigur ein (also in die Figur, aus deren Perspektive das Geschehen erzählt wird, hier also der Ich-Erzähler). Gefühle und Gedanken können direkte vom Leser nachempfunden werden. Der Leser ist sozusagen mittendrin statt nur dabei. Der Nachteil: Streng genommen kann es im ganzen Roman nur einen Erzähler geben. Nämlich den Ich-Erzähler. Zumindest ist es ungewöhnlich, mehrere Ich-Erzähler in einem Roman zu verwenden oder die erste und die dritte Person limitiert zu vermischen.
  • Dritte Person limitiert: Der wohl häufigste Erzähler. Aus der Sicht einer Perspektivfigur wird das Geschehen in der dritten Person erzählt. Im Prinzip ist er wie ein Ich-Erzähler, nur dass Sie statt „Ich“ von „Er“ oder „Sie“ schreiben. Diese Erzählweise ist nicht ganz so direkt wie der Ich-Erzähler. Dafür gewährt diese Perspektive mehr Freiheit. Es ist durchaus üblich, in einem Roman mehrere Perspektivfiguren, also mehrere Er- oder Sie-Erzähler zu haben. Die dritte Person limitiert wird als die kinematischste Erzählperspektive empfunden. Sie kommt also einem filmischen Erzählen recht nahe.
  • Dritte Person allwissend: Hier ist der Erzähler in der Regel keine Perspektivfigur, sondern eine Figur, die außerhalb der Geschichte steht und das Geschehen sozusagen berichtet. Diese Erzählweise trifft man heutzutage nur noch selten an, wenn dann meistens in literarischen Geschichten. Die dritte Person allwissend baut eine große Distanz zwischen dem Leser und den Figuren auf, lädt also kaum zur Identifikation ein. Dafür ermöglicht diese Erzählweise den umfassendsten Einblick ins Geschehen. Der allwissende Erzähler kennt alle Gedanken aller Figuren, weiß zu jederzeit, was überall auf der Welt gerade geschieht und kann problemlos zwischen Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit hin und her springen. Häufig wird die dritte Person allwissend im Märchen verwendet (»und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …«) oder auch in der Fabel. Gelegentlich gibt es auch die erste Person allwissend („Heute berichte ich euch von einem ganz besonderem Mann, der …«).

 

Wann kümmern Sie sich um den unsichtbaren Erzähler?

Der unsichtbare Erzähler gehört meiner Ansicht nach zu den Sünden eines Manuskripts, die unverzeihlich sind. Denn der Leser wird aus seinem Fluss gerissen. Das emotionale Erlebnis, das Lesevergnügen werden gestört.

Allerdings werden nur die größten Meister einen ersten Entwurf ihres Romans fertigstellen können, in dem es keinen unsichtbaren Erzähler gibt. Es gehört ja zum Vergnügen des Schreibens dazu, dass Sie selbst von Ihrer Geschichte begeistert sind und leidenschaftlich erzählen. Die bohrende Frage: »Habe ich jetzt auch ja keinen Perspektivfehler gemacht?« führt jedoch bestenfalls dazu, dass Sie wesentlich langsamer und leidenschaftsloser schreiben. Und es passiert einfach, dass man in der Hotze des Gefechts auch mal einen unsichtbaren Erzähler auftreten lässt.

Deswegen gehört das identifizieren und tilgen des unsichtbaren Erzählers in die Überarbeitungsphasen, nicht in die Schreibphasen und schon gar nicht in den ersten Entwurf.


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