Wieso gute Happy Ends so schwer zu schreiben sind … und warum Sie es trotzdem tun sollten

Wieso gute Happy Ends so schwer zu schreiben sind ... und warum Sie es trotzdem tun sollten

Literaten empfinden Happy Ends als unrealistisch. Menschen, die gerne lesen, um Spaß zu haben, lieben Happy Ends. Realismus ist für sie kein Maßstab. Sie suchen das befriedigende emotionale Bedürfnis, dass ihnen ein glückliches Ende bereitet. Doch warum ist das so und wie kann man Happy Ends so schreiben, dass sie eben nicht unrealistisch sind?

Was genau ist eigentlich ein Happy End?

Der Duden definiert ein Happy End als den glücklichen Ausgang eines Konflikts oder einer Liebesgeschichte. Im Alltag verstehen die meisten Menschen darunter eine Wendung zum Positiven. Das Happy End ist aus der Filmsprache in die Umgangssprache geschwappt. Hier gilt es unter anderem als simples Kennzeichen dafür, ob ein Film eher für den Massenmarkt oder für ein elitäres Publikum ansprechend gedacht ist.


Happy End oder Happy Ending?

Englischlehrer und Muttersprachler müssen stark sein: Happy End ist ein Scheinanglizismus. Das Wort gibt’s eigentlich im Englischen gar nicht. Außerhalb Deutschlands sagt man Happy Ending. Ist ein bisschen wie mit Schraubendreher und Schraubenzieher. Jeder weiß, dass man mit dem Ding Schrauben dreht und nicht zieht. Trotzdem sagt das keiner. Verwenden Sie also das muttersprachlich korrekte Happy Ending nur, wenn Sie keine Angst davor haben, bei Partys in der Nerdecke zu stehen.


Wie und wieso wirken Happy Ends?

Wenn Sie als Autor alles richtig machen, dann stellt Ihr Roman für seine Leser eine emotionale Achterbahnfahrt dar, die auf einen Abgrund zusteuert. Ihre Geschichte wird umso spannender, je mehr Leid Sie Ihrem Helden zufügen. Leser genießen das und fragen sich: »Wie kann das nur gut ausgehen?«

Je unwahrscheinlicher ein glückliches Ende ist und je überzeugender die Wendung zum Guten gelingt, desto größer ist die emotionale Wirkung des Romans. Das ist wie bei einem Fußballspiel, bei dem Ihre Mannschaft bis kurz vor Schluss mit 0:2 hinten liegt, um dann in der Nachspielzeit die entscheidenden drei Tore zu schießen.

Im Körper werden durch solche Wendungen Endorphine, also Glückshormone, körpereigene Rauschmittel ausgeschüttet. Und je aussichtsloser die Handlung zuvor auf die Katastrophe zusteuert, desto mehr Endorphine werden beim Leser produziert und umso besser behält er Ihr Buch in Erinnerung.


Endorphine?

Endorphine sind eine tolle Sache. Sie

  • machen high, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten oder süchtig zu werden
  • lindern Schmerzen
  • können dabei helfen, Depressionen zu vermeiden
  • stärken das Immunsystem
  • haben einen Anteil an der Herstellung von Sexualhormonen
  • fördern den Schlaf
  • fördern eine positive Grundstimmung

Und warum sind Happy Ends nun so schwer zu schreiben?

Kritiker von glücklichen Enden verkennen oft, dass es gar nicht so einfach ist, Geschichten gut ausgehen zu lassen. Im Gegenteil: unglückliche Enden sind viel leichter zu schreiben. Wie bereits oben erwähnt, stellt eine gute Geschichte eine Abwärtsspirale für den Helden dar. Wollen Sie das Happy End vermeiden, lassen Sie den Helden sterben oder hören einfach an einem bestimmten Punkt auf, die Geschichte zu erzählen. Dann haben Sie ein offenes Ende.

Ein Happy End hingegen funktioniert nur, wenn die Wendung zum Guten auch überzeugend ist. Schlechte Wege, ein Happy End herbeizuführen, sind also:

  • ein Deus ex Machina
  • eine Wendung, die nicht zuvor subtil angekündigt wurde
  • eine Wendung, die vorhersehbar ist

Somit dürfte klar werden, wieso ein Happy End wirklich schwer zu schreiben ist. Denn es muss viele Kriterien erfüllen, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind, um den Leser wirklich aus den Socken zu pusten.


Was ist ein Deus ex Machina und wieso ist er schlecht?

Der Begriff stammt aus der griechischen Tragödie, also der antiken Dramentheorie. Dort ist es häufig so, dass die Konflikte sich so dramatisch zuspitzten, dass die Menschen alleine nicht mehr dazu in der Lage sind, sie zu lösen. Also muss es Hilfe von oben geben: Die Götter regeln die Angelegenheiten der Menschen.

Heute wird dieser Begriff im Prinzip immer dann verwendet, wenn der Held sich nicht aus eigener Kraft aus einer Situation retten kann, sondern von einer anderen Figur erlöst wird. Das muss nicht immer schlecht sein. Ein, zwei Mal im Laufe eines Romans darf sich Ihr Held auch mal auf seine Freunde verlassen. Das kann sogar gut sein, um zu zeigen, dass auch andere Figuren kompetent sind.

Ein Deus ex Machina darf aber nie dem Helden dabei helfen, den Hauptfkonlikt zu lösen, denn dieser ist ja sein eigener, ganz persönlicher Konflikt. Bewältigt er diesen nicht selbst,

  • fühlen sich Leser um ein Erfolgserlebnis betrogen
  • erscheint Ihr Held schwach und inkompetent
  • wirkt Ihre Geschichte zufällig und beliebig

Warum das Happy End unverzichtbar ist

Wie bereits deutlich geworden sein sollte: Unglückliche Enden sind leichter zu schreiben, erzielen jedoch keine oder nur eine vergleichsweise geringe emotionale Wirkung beim Leser. Das ist sozusagen schlichte Neuropsychologie, denn das Ausschütten der Endorphine bleibt aus. Wenn Sie also einen Roman schreiben wollen, der Ihre Leser nicht nur intellektuell beeindruckt, sondern nachhaltig begeistert, kommen Sie um ein plausibles Happy End, das sich folgerichtig aber trotzdem überraschend aus den Figuren und der Handlung entwickelt, nicht herum.

Darüber hinaus halte ich es für eine gute Idee, Leser mit einem Happy End aus dem Roman zu entlassen. Sie geben Ihren Lesern ein Gefühl von Hoffnung. Geschickt geschriebene Happy Ends sind wie ein guter Freund, der Sie in einer schweren Stunde in den Arm nimmt. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass gute Happy Ends die Welt auch ein kleines bisschen besser machen.


 

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